Der Weg zu RFID
In den letzten Monaten hat die RFID-Technologie für Schlagzeilen gesorgt –
doch die Realität ist bisher deutlich hinter dem Medienrummel zurückgeblieben. Vielfach haben Bedenken hinsichtlich der Standards und technologischen Robustheit dazu geführt, dass Pilotprojekte trotz erfolgreichen Verlaufs nicht verlängert wurden. Bald aber könnte das Warten ein Ende haben.
Wenn man Verbraucher nach ihren Verbesserungswünschen für
den Einzelhandel fragt, nennen sie nach Angaben des Marktanalysten
Gartner als Erstes, dass die Ware „vorrätig und leicht zu finden“ sein solle.
Will man dagegen von Einzelhändlern wissen, welche Punkte in ihrem Geschäft verbesserungswürdig sind, so steht rechtzeitige Regalbefüllung ganz oben
auf der Liste.
Im Schnitt sind zu jedem beliebigen Zeitpunkt etwa 10 % des Warensortiments eines Einzelhändlers ausverkauft. Laut John Davison, Vice President
und Forschungsleiter für den Einzelhandel bei Gartner UK, ist der Anteil der präsenten Ware aber nicht selten eher bei 70 % anzusiedeln. Ursache
dieses Mankos ist häufig nicht etwa eine unzureichende Bevorratung, sondern
ganz einfach die Unmöglichkeit, die Ware zu finden. Daher ist es keine Überraschung, dass Einzelhändler sich viel von der RFID-Technologie versprechen, die eine komplett transparente Supply Chain in Aussicht stellt.
Auch Kunden gefällt die Vorstellung: „Nachdem wir die möglichen Auswirkungen auf Fehlbestände erläutert hatten, zeigten unsere Verbraucherzielgruppen
eine sehr positive Haltung gegenüber RFID“, so Gill Mander, Analystin bei GartnerG2. „Ohne diesen Vorteil äußerten sie sich eher ablehnend und drückten vorrangig Bedenken bezüglich des Datenschutzes aus.“
Die Vorteile von RFID lassen sich konkret beziffern. Der deutsche Handelskonzern Metro Group, der RFID in seinem Future Store in Rheinberg bei Duisburg
erprobt hat, konnte die Warenpräsenz im Regal nach eigenen Berechnungen
um 9 bis 14 % steigern, indem er die Artikel einzeln mit RFID kennzeichnete.
Warum setzt sich RFID angesichts dieses großen Potenzials für Kunden wie Händler nicht schneller durch?
Die Kosten sind eindeutig ein Faktor: „Die größten Vorteile mit RFID erzielt
man durch Kennzeichnung der Einzelartikel im Geschäft“, erläutert Dr. Gerd Wolfram, Projektleiter bei Metro. „Das Problem ist aber, dass dazu eine riesige Investition in Konzepte wie das ‚intelligente Regal‘ erforderlich wäre,
die man sich heute einfach nicht leisten kann. Die Kennzeichnung von Kartons
oder Paletten dagegen brächte nach unserer Auffassung nur etwa
ein Drittel der Vorteile.“
Die britische Einzelhandelskette Marks & Spencer, die probeweise in sechs Geschäften einen Teil ihres Herrensortiments auf Einzelartikelebene kennzeichnete, hat ähnliche Vorteile festgestellt und betrachtet die Kosten
für Ware im oberen Preissegment als akzeptabel: „Die Präsenz der Ware
hat sich deutlich verbessert“, so James Stafford, Leiter für RFID-Entwicklungen
bei M&S, „und wir wissen jetzt auch, dass wir RFID zu realistischen Kosten verwirklichen können.“
Für M&S liegt das Problem weniger bei den Kosten als bei der Systemintegration und dem Risiko, eine noch experimentelle Technologie in unternehmens-
kritische IT-Applikationen zu integrieren – und zwar zu einem Zeitpunkt, wo der Erfolg und die Gewinnspanne genauestens beobachtet werden.
Weitere Einzelhandelsunternehmen, die einst als Wegbereiter von RFID
galten, sind ebenfalls vorsichtiger geworden: Benetton stellte sein Projekt zurück, nachdem es kritische Kommentare über den Datenschutz gegeben hatte,
Wal-Mart wurde attackiert, weil es auf etwas ungeschickte Weise seine Zulieferer verpflichten wollte, die Kartons zu kennzeichnen, und auch Gillette hat sich neuerdings zurückgehalten.
Doch in der Planung vieler IT-Abteilungen spielt RFID nach wie vor eine wichtige Rolle. Fast 25 % der Supply Chain Manager im Einzelhandel,
die der Hersteller Intermec kürzlich in einer europaweiten Erhebung befragte, gaben an, die Technologie bereits erprobt zu haben oder eine Erprobung
zu planen. Ein Drittel von ihnen bezeichnete seinen Kenntnisstand über die technischen Details von RFID als ausreichend.
Weiterhin äußerten sich die Manager optimistisch über das Potenzial von RFID. Mehr als 20 % bezeichneten sich als „enthusiastisch“ und gaben an, sich
von der neuen Technologie geringere Kosten, mehr Produktivität und eine lückenlose Rückverfolgbarkeit in der Supply Chain zu erhoffen.
Bei allem Enthusiasmus ist man sich aber durchaus im Klaren, dass noch technische Probleme zu lösen sind – insbesondere uneinheitliche Ergebnisse beim Einlesen und der Mangel an globalen Standards. Es wird zwar damit gerechnet, dass sich die neuen Standards bis zum Frühjahr 2005 abzeichnen werden, doch die derzeitige Stagnation bei UHF-Etiketten und -Readern
sowie dem EPC Generation 2-Standard scheint deutlich abschreckend zu wirken. Alle Einzelhandelsunternehmen, die weitreichende RFID-Projekte
implementiert haben, arbeiteten mit nicht standardisierter Technologie,
darunter:
• Marks & Spencer in seinem Kennzeichnungsprogramm für Lebensmittelbehälter, das die Auftragszeiten für gekühlte Fertignahrungsmittel verbesserte
• Woolworth in seinem Kennzeichnungsprojekt für Rollwagen/Rollkörbe,
das durch eine Kombination aus Barcodes und RFID den Bestandsschwund
in der Supply Chain deutlich reduzierte
• Figleaves in seinem RFID-aktivierten Entnahmesystem, das Entnahmefehler
auf 0,1 % senkte
Auch Metro bleibt aktiv – diesmal mit standardisierter Technologie.
Bereits ab November sollen rund 25 seiner Zulieferer RFID-gekennzeichnete Paletten an eines der Distributionszentren liefern. Bis Dezember 2005 ist
geplant, diese Zahlen auf 100 Zulieferer und 8 Distributionszentren, die 269 Geschäfte versorgen, zu erhöhen. Ab Mitte des nächsten Jahres sollen auch einzelne Kartons gekennzeichnet werden.
In Zusammenarbeit mit Kurt Salmon Associates hat Metro als eines von wenigen Handelsunternehmen schlüssige und überzeugende betriebswirtschaftliche Argumente für RFID dargelegt. Wie Dr. Wolfram betont, werden auch Metros Zulieferer von RFID profitieren, von denen viele bereits starkes Interesse an einer Teilnahme bekundet haben. Darin unterscheidet sich Metro von Wal-Mart,
dessen Handelspartner eine etwas ungeschickte und rigide Verpflichtung zur Einführung abzulehnen scheinen.
Metro ist momentan richtungsweisend, doch viele europäische Handels-unternehmen verfolgen sein Vorhaben mit großem Interesse. Wenn sich bis Mitte 2005 die Lage bei den Standards geklärt hat und die von Metro prognostizierten quantifizierbaren Vorteile in greifbare Nähe rücken, ist mit weiteren schnellen Implementierungen zu rechnen.
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